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Sind Netzwerke sozial?

(elkement. Erstellt: 2013-03-26. Tags: Netzwerke, Internet, Soziale Netzwerke, Bloggen, Websites)

radices.net war ursprünglich geplant als eine Website über Wissenschaft - wenn man von Planung sprechen kann. Andererseits war .net wörtlich zu nehmen - als ein Spiel mit dem Möglichkeiten des weltweiten Netzes und der vernetzten Art, meine Gedanken zu ordnen.

2013 ist diese Website technologisch veraltet und keineswegs sozial. Genau das (Unsoziale) war und ist auch gewünscht. Hier kann nicht kommentiert und auf 'Like' geklickt werden. Hier wird geschrieben um des Schreibens willen. Aber meine Erkundungsreisen in andere Bereiche des modernen Social Web haben überraschende Erkenntnisse zutage gebracht.

Nach einer mehrjährigen Verweigerung moderner Blogplattformen blogge ich seit einem Jahr auf elkement.wordpress.com. [Im Sinne einer Meta-Ebene zu diesem Artikel gibt es ausnahmsweise keine Links - ich verwende sie ohnehin zu häufig.] Nach konsequenter Verweigerung des sozialen Web-Mainstreams bin ich seit Ende November 2012 ein intensiver Nutzer von Facebook, Google+ und Twitter.

WordPress.com ist eine Plattform, die exakt bietet, was meine selbst entwickelten ASP-Seiten prinzipiell sind oder sein hätten sollen: Ich kann meine Gedanken (an)ordnen. Ich kann mit Form (Stylesheets) und Inhalt spielen. The Internet is always a little bit broken nach Tim Berners Lee, und so ist die Struktur meiner Kategorien und Tags nie perfekt. Der wesentliche Nachteil meiner ASP-Plattform ist die vorgegebene Struktur von zwei verschachtelten Ebenen - jedem Artikel muss eine Kategorie zugewiesen werden und ein Tag. Meine Ideen lassen sich nicht in dieser Art strukturieren.

Ich wollte ein Physik-Blog schreiben, habe aber bald erkannt, dass ich mich zu Fakten ohne Geschichten überwinden müsste. Es gibt Tausende sehr gute Wissenschaftsseiten. Wenn irgendetwas meine Site anders macht, dann kann das nur meine spezielle Sichtweise sein, meine Geschichte dazu. Es mag auch daran liegen, dass ich beruflich im weitesten Sinne damit befasst bin, Informationen zu recherchieren und strukturiert auf den Punkt zu bringen. Meine Webaktivitäten - auch die wissenschaftsbezogenen - sollten eine subversive Gegenwelt dazu darstellen. Eine Welt, die aus dem Nichts entsteht. Selbstverständlich gilt nach Mark Twain: The bulk of all human utterances is plagiarism.  Aber es genügt die Illusion, dass meine Postings in ein kreatives Vakuum wuchern - wodurch auch immer sie ausgelöst werden. Wenn ich einen Artikel schreibe, dann existiert er vorher in meinem Gehirn und das Schreiben verändert diesen Entwurf. Ich habe keinen Plan und keine Strategie.

Mein WordPress-Abenteuer hat nahtlos angeknüpft an meine Schreibexperimente auf e-stangl.at, subversiv.at und radices.net. 'Walls of text' - auf Englisch. Die Wahl der Sprache erfolgt unbewusst, ähnlich wie 2005 in dem Projekt epsi.name. Man könnte argumentieren, ich wollte eine globale Community erreichen - was sich auch als richtig heraus gestellt hat. Ich denke eher, meine Internet-'Voice' ist Englisch, und ich war beeinflusst von www.cluetrain.com. Zu einem vom Stil, zum anderen von der Botschaft und vor allem von der Geschichte Christopher Lockes über die Entdeckung seiner 'Voice' - nach einer Zeit als 'phony PR guy'.

Die Nutzung des Internets ist ein Spiel mit Identitäten, Kommunikation und Ideen im besten Sinne. Ich habe lange nicht verstanden, woran der Reiz besteht, auf den ständigen Strom von Statusmeldungen zu antworten. Warum ich meine Kommentare über andere Websites verteilen soll. Warum mein virtuelles Territorium mit anderen Bereichen so verschränkt werden sollte, dass unklar wird, wo meine Website beginnt und eine andere endet. Soziale Netzwerke sind genau das. Ideen entstehen in der Interaktion - nicht dadurch, dass ich als Autor (so wie hier) meinen Text an eine Wand schlage.

Nach einem Jahren des Bloggens und einigen Monaten auf sozialen Netzwerken hat meine Sichtweise sich geändert. Es könnte auch an so Banalem liegen wie dem Umstand, dass ich heute nicht mehr 100%ig 'in der IT-Branche bin' und mich nicht mehr bombardiert fühle von Botschaften auf diversen professionellen Kanälen. Dass ich nicht mehr glaube (was wahrscheinlich immer eine paranoide Angstneurose war) dass Kunden mitverfolgen würde, ob ich an ihrem Problem arbeite oder meine Freizeit auf Facebook genieße. Oder dass ich die internationale Welt der Geeks und Nerds nicht missen möchte.

Jedenfalls konnte ich neue Welten entdecken und Kreativität bedeutet für mich, diese zu verknüpfen. Blogger, deren Blogs neue Gedanken auslösen - und deren Themen mich ansprechen, obwohl mir das aufgrund theoretischer Überlegungen nie klar gewesen wäre. Ich finde Blogs über die Kanadische Prärie faszinierend, in denen eine Verbindung hergestellt wird zwischen der Weite und Kargheit des Raums und den Gedanken und dem Leben seiner Bewohner. Ich habe auf Google+ eine lebendige Science Community entdeckt! Ich habe auf Facebook alte Freunde wiedergefunden und neu als virtuelle Wesen entdeckt - mit Aspekten und Interessen auf die ich im (echten) Leben nie gekommen wäre.

Virtuelle Gemeinschaften werden oder sind echte Gemeinschaften. Virtuelle Freundschaften sind nicht mehr (oder waren ohnehin nie) ein zweitklassiger Ersatz für das echte Leben - für kontaktscheue Nerds. Ich traue mich zu behaupten, dass mich manche Menschen 'nur online' besser kennen manche meiner 'realen Kontakte'. Weil ich durch meine virtuellen Aktivitäten etwas Echtes durchscheinen lassen kann, dass sich im Alltag nicht transportieren lässt. Ich lese - für mich selbst - überraschend wenig Expertenblogs und ich will auch selbst keines schreiben. Ich will nicht durch Wissen beeindrucken. Ich will überhaupt nicht beeindrucken - ich will auf eine bestimmte Art andere Bewohner dieses virtuellen Universums erreichen. Ich will dies erreichen durch meine eigenen Worte, meine Ausdrucksweise, meine Art die virtuellen Fäden zu verknüpfen. Die Inhalte können und müssen nicht unbedingt original sein.

Das ehemalige Über-Ich aus der Corporate World fragt dann: Und wie merkst Du, dass Du das erreicht hast? Zum Beispiel daran, dass aus dem anderen Ende der Welt und der Blogosphähre die Rückmeldung kommt: There are not too many people out there with a fantastic mind and matching off the wall sense of humour. A combination I find intriguing and appealing and why I enjoy your work.

Persönliche Website von Elke Stangl, Zagersdorf, Österreich, c/o punktwissen.
elkement [ät] subversiv [dot] at.