Meine Philosophie (?)

(elkement. Erstellt: 2016-05-02. Tags: Arbeit, Beruf, Lernen, Leben, Philosophie, Rückblick, Sinn, Technologie. Englische Version.)

Zu Beginn dieses Jahrtausends war meine Website radices.net u.a. dafür gedacht, meine Essays über Philosophie zu beherbergen. Also, echte Philosophie, wie man sie auch studieren kann. Was ich später tatsächlich auch in Erwägung gezogen hatte.
Kurz vor dem Platzen der dotcom-Blase wurde mein Denkeruniversum dann bereichert durch die unkonventionellen Webphilosophen. Damals hatte auch jede Firmenwebsite eine Seite 'Philosophie' - meine erste, mit FrontPage erstellte Seite natürlich auch.

Ist davon irgendetwas Brauchbares übrig geblieben?

In einem Anfall von Selbstüberschätzung denke ich, ich sollte einfach eine eigene Philosophie haben. Das wäre meinen Lebensjahren und Berufserfahrung angemessen. Aber Achtung - früheres Ich: Meine Philosophie dreht sich nicht um die großen Fragen des Lebens und des Universums. Geplant war ja als Berufs- und Lebensziel eine Mischung aus Philosophem und theoretischem Physiker, der aber nebenbei MacGyver-mäßig Erfindungen am laufenden Band macht.
In Spuren sind diese Ambitionen noch da, aber ausgelebt habe ich sie nur in bodenständigen Rollen. Und genau an diesen unterschiedlichen Rollen, die sich wie ein roter Faden durch diverse Jobs ziehen, läßt sich meine Philosophie verdeutlichen.

1) Reverse Engineer

Angeblich - es war vor der Zeit, an die ich mich bewusst erinnern kann - habe ich immer schon alles Mögliche auseinander genommen. Ich wollte wissen, wie Dinge funktionieren. Kompromisslos. Aus manchen dieser Aktionen wurde dann ein 'Karrierepfad'; ich bin somit des Klischée des autodidaktischen IT-Fuzzis. Wenn man als so genannter Security Consultant nicht zum reinen Checklisten-Abhaker und Richtlinien-Schreiber verkommen will, sollte man sich diese destruktive Angriffslust auch bewahren (obwohl man die Regeln natürlich kennen sollte).
Aber wer weiß: Wenn ich meine Akribie im Erforschen von Gesetzen als Gradmesser nehme, hätte ich auch Steuerberater werden können.

Ich halte mich nicht an den Rat, mich auf mein 'Kerngeschäft zu konzentrieren' und als 50% eines Zwei-Personen-Unternehmens kann oder will ich nicht delegieren. Es ist besser, etwas mehr zu wissen, als man es als Benutzer oder Kunde müsste - auch wenn Marketing-Kampagnen zu ganz einfach bedienender Technologie (Alles aus einer Hand, nur klicken!) ganz anders klingen.
Möglicherweise wird meine Ansicht nur von maximal 10% Benutzern geteilt - dann schreibe ich eben hier, damit sich jene nicht vorkommen wie Aliens.

2) Mediator

In die Kategorie Was wenige von mir wissen, fällt jenes Outing eine der ersten kindlichen Fantasien von etwas, das einer 'Karriere' am nächsten kam: Ich wollte eine Art Diplomat oder Friedensstifter im weitesten Sinne sein und hatte mir ausgemalt, in Entenhausen zwischen Mickey Mouse und seinen sinisteren Kontrahenten zu vermitteln.
Das hat wahrscheinlich alle meine späteren Jobs beeinflusst, wurde mir aber erst klar, nachdem ein Kunde 'Wieder so eine Mediation' buchen wollte. Nachdem ich dort als technischer Berater unterwegs war.

Ich hatte diverse Zusatzausbildungen ins Auge gefasst - Psychologie, Coaching, Philosophie - bin dann aber immer bei der Technik geblieben. Es gibt ein interessantes Paradoxon der Beauftragung von Vermittler-Dienstleistungen: Einen Techniker zu buchen, der dann auch Projektpsychologe ist, ist ein Hit bei Kunden. Würde die Leistung aber ausschließlich als Letzteres vermarktet, würde sie nicht gekauft.

3) Kommunikator

Vielleicht lassen sich 1) und 2) nur durch viel Quatschen verbinden. 'Lehre' oder 'Training' war immer Teil meiner Jobs oder eine nebenberufliche Aktivität. Nachdem ich selbst wieder eine nebenberufliche Studentin geworden bin, habe ich die Lehre sein lassen - und erleichtert erkannt, dass ich ohnehin kein Teil des offiziellen (Aus-)Bildungssystems sein möchte: (Aus-)Bildung ist heute kundenorientierter, strukturierter, professioneller und qualitätsgesichert, aber auch bürokratischer und über-verwaltet.

Ich halte mich ungern an meine Agenda oder meine vorbereiteten Unterlagen und lasse mich gern dazu hinreißen, stattdessen auf ungewöhnliche Fragen einzusteigen. Damit war ich ein mäßiger Lehrer im Vortragssaal und war wahrscheinlich besser in informellen Train-the-Experts-Sessions.

Mir haben immer jene Projekte am meisten Spaß gemacht, in denen Auftraggeber nicht nur daran interessiert waren, dass ein Geek etwas wieder zum Laufen bringt, sondern wenn ich auch meine Neigung zur 'Wissenschaftskommunikation' ausleben konnte. Und - siehe 1) - ich bin ja überzeugt davon, dass es letztendlich nützt, etwas mehr Hintergrundwissen zu haben.

4) Organisator - Automatisierer

Niemand hatte mich als Kind auffordern müssen, aufzuräumen. Ich habe nicht nur meine kleinen Plastiktiere mit einem Pinsel abgestaubt, sondern regelmäßig Regale 'umstrukturiert'. Das hat sich nicht geändert und wurde auch auf die virtuelle Welt ausgeweitet.

Je nach Zielgruppe würde ich das Feng Shui / Zen des gemächlichen Ordnens betonen, oder meinen Impuls für jedes Problemchen ein Skript / Tool / Programm zur Automatisierung zu bauen. Softwareentwicklung war wie die Lehre immer Teil meiner beruflichen Aufgaben, aber erst kürzlich habe ich dem stillen Coden den Vorzug gegeben.

Passend zu 1) bin ich auch überzeugt, dass Datenmanipulation und -organisation inklusive etwas Programmierung für praktisch Jeden von Nutzen sind. Vielleicht liegt es an mir: Aber jedes Mal, wenn ich als einfacher Benutzer nur einen Service oder eine Applikation verwenden will, bin ich sofort voll drin im Low-Level-Troubleshooting.

 

Mir ist klar, wie technologiezentriert und nerdig das wirkt. Aber nach diversen Soft-Skills- und Management-Trainings wurde ich etwas skeptisch gegenüber den Leuten mit Großen Ideen, die den kleinen Detailarbeiter gekonnt managen oder führen.
Das Subversive Element in mir bemüht sich um ein Gegengewicht zur vorherrschenden Sicht. Es gibt Dinge, die sind 0 oder 1, richtig oder falsch. Und auch der verständnisvollste Perfektionismus relativierende Coach wird froh sein, wenn Chirurg oder Flugzeugingenieur zu perfektionistisch sind.

Persönliche Website von Elke Stangl, Zagersdorf, Österreich, c/o punktwissen.
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