Arbeiten Sie gerne umsonst?

(elkement. Erstellt: 2004-10-11. Tags: Arbeit, Leben, Sinn)

... bin ich vor kurzem gefragt worden. ("Umsonst" im Sinne von "gratis", nicht von "vergeblich"). Dahinter stand eine ernsthaft gemeinte Frage nach der  Beteiligung an einem Projekt mit Hand und Fuß.

Was soll man darauf antworten?

Ja, gerne - wenn ich mit einer anderen Tätigkeit genug für meinen Lebensunterhalt verdiene, arbeite gerne in Freizeit an "dem, was ich wirklich will"

Ja gerne, aber es scheint schwer möglich zu sein, die Zeit dafür zu finden, umsonst zu arbeiten - selbst wenn ich für mehr Freizeit auf Geld verzichten möchte.

Nein - ich habe ohnehin das Gefühl, mich immer zu allzu vielen Projekten zu verpflichten (egal, ob umsonst oder hoch bezahlt).

Ja - alle Menschen arbeiten im Prinzip gerne umsonst und nur sich selbst verpflichtet. Nur der modernen, entfremdete Kapitalismus zwingt uns dazu, in Kategorien von "Broterwerb" und "brotlosem Hobby" zu denken.

Nein, genau wegen dem soeben genannten Argument: Wenn alle anderen nur an ihrem Vorteil denke, werde ich Idealist dabei nur ausgenutzt.

Ja, ich plane meine Umsonst-Arbeiten taktisch genau als Investition in meine (auch finanzielle) Zukunft.

Ich kann die Frage nicht beantworten, aber das Nachdenken darüber empfinde ich als bereichernd. Es ist einer dieser Fragen, die Gedanken über grundsätzlichere Fragen auslösen. Letztere lassen sich noch viel weniger beantworten bzw. gibt jeder die Antwort durch die Gestaltung seines Lebens.

Einige weitere Gedankensplitter

(Irgendwann vorher)

Wenn man in Begriffen wie "Broterwerb", "Zeit-Management" und "Work-Life-Balance" denkt, läuft irgendetwas ganz grundlegend falsch. Wenn wir auf diese Art über Arbeit, Zeit und Leben sprechen, formen wir unbewusst eine Art von Realität, die mir zumindest nicht natürlich vorkommt. Aber durch das Verwenden solcher Begriffe in einer Gesellschaft, Branche usw. bestimmen wir selbst, was "Arbeit" ist oder sein soll. Warum ist 38.5 Stunden pro Woche oder 40 Stunden oder vielleicht bald wieder 45 Stunden genau die richtige Zeit für den "Broterwerb"?

Jede unangenehme Tätigkeit (langweilig, undankbar, stressig) kann die Quelle von neuen Einsichten sein. Wenn sie das auf Dauer nicht ist, sollte man darüber nachdenken, etwas zu verändern.

Jede Art von Beschäftigung oder Arbeit (umsonst oder nicht) verlangt nach Ausgleich. Was Ausgleich bedeutet, d.h. welche Aspekte einer Tätigkeit durch einen Aspekt einer anderen Tätigkeit ausgeglichen werden müssen, ist individuell sehr verschieden: körperlich - geistig, herausfordernd - monoton, einsam - kommunikativ. Oder auch umsonst - gewinnbringend oder gemeinnützig - kommerziell.
Einen wirklichen Ausgleichseffekt kann man aber nur erzielen, wenn die Ausgleichstätigkeit gar nicht als Gegenpol (oder eben "Ausgleich") empfunden wird.

Persönliche Website von Elke Stangl, Zagersdorf, Österreich, c/o punktwissen.
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